Literatur

Zum Thema GLAUKOM (Grüner Star) empfehlen wir folgende Literatur:
(Einige Auflagen sind vergriffen)

Gerste, Ronald:
Glaukom – Ein Ratgeber
Wie Früherkennung und neue Therapien das Augenlicht retten können – und was der Patient darüber wissen muss
184 Seiten, ISBN: 978-3928027243
ad manum medici Verlag für Medizin und Naturwissenschaften

Hätscher-Rosenbauer, Wolfgang:
Augenschule für gesundes Sehen
96 Seiten, ISBN: 978-3517019734
Verlag Südwest

Kaluza, G.,  Strempel, I.:
Autogenes Training in der Augenheilkunde
132 Seiten, ISBN: 978-3922777151
Verlag Kaden

Konieczka,  Kataryzyna Gugleta, Konstantin:
begründet von Flammer, Josef.
Glaukom
Ein Handbuch für Betroffene. Eine Einführung für Interessierte.
Ein Nachschlagewerk für Eilige
4. überarb. Aufl. März 2015
496 Seiten
ISBN: 978-3456851464
Verlag Huber, Bern

Libermann, Jakob:
Natürliche Gesundheit für die Augen: Sehstörungen beheben, die Sehkraft verbessern
320 Seiten, ISBN: 978-3492228947
Verlag Piper

Poonawalla, Cyrus:
Alternative Augenheilkunde – Neue Wege zum besseren Sehen“
76 Seiten, ISBN: 978-3837055047
Books on Demand

Strempel, Ilse:
Glaukom – mehr als ein Augenleiden
Handbuch für Ärzte und Patienten
204 Seiten, ISBN: 978-3932091988
Verlag Kilian

Keine Angst vor Grünem Star
Ein Buch für Patienten: Ursachen – Hintergründe – Begleittherapie
198 Seiten, ISBN: 978-3868640304
Verlag Natur und Medizin

Das andere Augenbuch:
Seele und Sehen – ein Leitfaden für Betroffene
354 Seiten, ISBN 978-3868640144
KVC-Verlag

Schultz-Zehden, Wolfgang
Das Auge – Spiegel der Seele
Neue Wege zur Ganzheitstherapie
150 Seiten, ISBN: 978-3423350891
Verlag dtv

 


 

Psycho-emotionale Verarbeitung von Sehverlust

LowVision Kongress, 7.10.2011, Essen

0. Einleitung

Geburtsblinden Menschen fällt es meist nicht all zu schwer, ihre Behinderung von Anfang an als einen selbstverständlichen Teil ihrer selbst anzusehen und sich damit zu arrangieren.

Geraten Sie im Laufe ihrer Entwicklung dennoch in Krisensituationen, so werden diese Krisen meist durch die Reaktionen der Lebenswelt auf das Anderssein des Kindes ausgelöst (Glofke-Schulz 2007, S. 173).

Krisen geburtsblinder Menschen können jedoch ebenso durch Grenzerfahrungen ausgelöst werden:

Erfährt z.B. ein blindes Kind, dass es eine für nicht sehbehinderte Kinder unkomplizierte Tägigkeit nicht selbständig durchführen kann, kann diese Erfahrung durchaus zu starker Verzweiflung und Trauer, aber auch zu masiver Wut zum einen gegen sich selbst, zum anderen gegen das Umfeld des Kindes führen.

Das Gelingen der Bewältigung solcher Krisen hängt sehr stark von der primären Sozialisation des Kindes ab. Wird es mit seiner Behinderung liebevoll angenommen, erfährt es ein Grundvertrauen in seine Fähigkeiten, wird es nicht überbehütet und erhält es eine angemessene Förderung, können Krisen meist erfolgreich bewältigt werden und eine solche Krisenverarbeitung kann als konstruktiver Entwicklungsschritt der Persönlichkeit angesehen werden.

Wir beschäftigen uns jedoch heute mit den Möglichkeiten der Krisenverarbeitung der Menschen, die ihr Augenlicht erst in einer späteren Lebensepoche teilweise oder ganz verloren haben.

Diesen Verarbeitungsprozess möchte ich Ihnen zunächst mit Hilfe eines Modells nahe bringen, welches innerhalb zahlreicher Studien von Krisenverarbeitungsverläufen entwickelt wurde.

1. Spiralphasenmodell von Erika Schuchart

Zur Bewältigung und Verarbeitung von Sehverlust

Symbolisch steht eine Spirale z. B. für das Auf und Ab auf dem Pfad des Lebens, für den Lebensweg an sich, für Seelenreise etc.

Der Begriff Spiralphasenmodell unterstreicht zum einen die Unabgeschlossenheit einer Phase, zum anderen die Möglichkeit deren Überlagerung. Eine Phase geht also in eine andere über.

Der Begriff zeigt auch die mögliche Dynamik des Vorankommens sowie die des Zurückfallens in ein bereits bearbeitetes oder als bearbeitet geglaubtes Stadium innerhalb des Prozesses der Verarbeitung von Sehverlust bis hin zu völliger Erblindung.

Das Spiralphasenmodell Erika Schuchardts zeichnet den Prozess einer Krisenverarbeitung nach. Das die Krise auslösende Ereignis ist Variierbar: Das Modell eignet sich für das Verständnis jeglicher Trauer- und Verlustereignisse im Leben des Menschen. Hier wird es zur Demonstration des Verarbeitungsprozesses von Sehbehinderung genutzt.

Wenn wir von einer Krise sprechen, sollten wir zunächst einmal definieren, was eine Krise ist.

Die systemisch orientierte Psychologie, die m.e. die einzig wirklich konstruktive Krisendefinition bereitstellt, vertritt folgende Sichtweise:
Die Krise Ist eine Störung des Gleichgewichtszustandes (Homöostase) eines Systems, die das System dazu bewegt, sich in irgend eine Richtung zu verändern.

Auf den Menschen bezogen bedeutet das: Es liegt eine Störung des intrapersonellen und interpersonellen Gleichgewichtszustandes vor.

Konkret bedeutet dies: Das Gleichgewicht innerhalb des Betroffenen ist aus den Fugen geraten und dementsprechend unterliegt auch die Kommunikation und Interaktion des von einer Krise betroffenen Menschen mit seinem Umfeld erheblichen Schwankungen und Störungen.

Innerhalb eines Krisengeschehens finden externe und interne Veränderungen statt, die eine Anpassung und dementsprechend eine Neuorientierung notwendig machen.

Die Störung des Gleichgewichtszustandes der Psyche und der Kognitionen eines Menschen sind zunächst einmal nicht als problematisch anzusehen. Sie werdn jedoch dann zur Krise, wenn bekannte und bewährte Problemlösungsstrategien nicht mehr greifen, um eben dieses gewohnte Gleichgewicht wieder herzustellen.

Ob nun überhaupt eine Krise ausgelöst wird, hängt nicht allein von der spezifischen Beschaffenheit des der Krise vorausgehenden Ereignisses ab, sondern vor allem von unserer subjektiven Bewertung dessen. Diese Bewertung hängt u. a. von den Ressourcen und den Vorerfahrungen eines Menschen ab. Ganz wesentlich ist auch die subjektive Einschätzung der Lösbarkeit des entstandenen Problems und der Stellenwert, der diesem Ereignis in der bisherigen Biografie zugemessen wurde. (siehe auch Glofke-Schulz 2007, S. 174)

Das Konstruktive am systemisch gefassten Kriesenbegriff ist m. E., dass er den in die Krise geratenen Menschen nicht pathologisiert.

Der Betroffene ist nämlich keineswegs krank, sondern er reagiert völlig angemessen auf eine möglicherweise unerwartete, unberechenbare und äußerst belastende Beeinträchtigung seines Lebens – in unserem Thema also auf das Eintreten von Sehbehinderung oder Blindheit.

Die systemische Betrachtungsweise geht davon aus, dass jeder Mensch bestimmte Ressourcen besitzt, die zur Krisenbewältigung wieder aufgefunden und mobilisiert werden können, vielleicht aber auch erst neu entdeckt werden müssen. Darauf komme ich im Kontext von Beratung noch einmal zu sprechen.

Zunächst zurück zum Spiralphasenmodell nach Schuchardt:
E. Schuchardt hat an etwa 2000 Lebensgeschichten im Kontext von Krisenverarbeitung das Spiralphasenmodell entwickelt. Natürlich verläuft die Verarbeitung von Krisen und die Bewältigung belastender Lebensereignisse nicht bei allen Menschen in der gleichen Intensität und Zeitdauer. Die Abfolge der Phasen unterliegen jedoch tatsächlich einer gewissen Gleichförmigkeit und die Krisenverarbeitung folgt bestimmten psychischen und kognitiven Regeln.

Ausgegangen wird von acht Spiralphasen, die ineinander übergehen oder sich gegenseitig ablösen können, sie können aber auch eine Zeit lang nebeneinander existieren oder miteinander verquickt sein.

Die Autorin Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz wählte innerhalb ihres Werkes „Löwin im Dschungel“ dieses Phasenmodell zur Verdeutlichung der Verarbeitung von Sehverlust. Sie zitiert Schuchardt wie folgt:

„Aus der Bezeichnung des Spiralphasenmodells soll deutlich werden, dass der Lernprozess „Krisenverarbeitung“ kein ausschließlich kognitiver, durch Diagnose erfassbarer, sondern gleicherweise ein affektiver, aus Deutungen lebender ist.“ (Schuchardt 2003, S. 137; In:  Glofke-Schulz  2007,  S.203)

Konkret bedeutet dies: Verarbeitet werden kann niemals nur mit dem Verstand, sondern die Hauptbewältigungsarbeit liegt zunächst einmal im emotionalen Bereich, wobei hier

die Grundeinstellungen und die Bedeutungsgebung durch den Betroffenen, aber auch durch dessen soziales Umfeld eine enorm große Rolle spielen.

Einzelne Stadien und Schritte des Phasenmodells

Es besteht aus 3 Stadien:

A) Eingangsstadium: kognitiv und reaktiv fremdgesteuerte Dimension;

enthält die Phasen 1 und 2.: Ungewissheit und Gewissheit…

B) Durchgangsstadium: emotional ungesteuerte Dimension;

enthält Phase 3 bis 5: Agression, Verhandlung und mögliche Depression;

C) Zielstadium: reflexiv aktional selbstgesteuerte Dimension;

Enthält Phasen 6 bis 8: Annahme, Aktivität, Solidarität (Gemeinsamkeit)

A) Eingangsstadium

1. Phase des Spiralfasenmodells: Ungewissheit

Diese Phase beschreibt den Beginn des Auseinandersetzungsprozesses mit dem Eintritt der Sehbehinderung oder Erblindung.

Der Betroffene erlebt zumeist Gefühle der Angst und des Chaos. Er wirkt diesen Emotionen durch erprobte Abwehrmechanismen wie z.B. Leugnung oder Verdrängung der eintretenden Sehbehinderung entgegen. Der Erfolg dieses Leugnungsversuches hat natürlich keine Nachhaltigkeit.

Die Nachricht des Sehbehindert- oder Blindseins beeinträchtigt in extremem Maße zunächst das durch Regeln und Normen geordnete berechenbare Leben des Betroffenen und oft auch das der Angehörigen. Nun  wird die Krise ausgelöst; denn schnelle und erprobte Problemlösungsvarianten sind nicht in Sicht – siehe Krisendefinition.

Verhalten:

Wenn wir Angst haben und wir uns bedroht fühlen, greifen wir auf erlernte Reaktionsmuster zurück, die aber letztlich alle nicht wirklich greifen. Die Angst vor dem Unbekannten lässt sich nicht wegdrücken.

Diese erste Phase ist gekennzeichnet von:

  • Unwissenheit: der Betroffene kennt sich nicht mehr aus und hat kaum Informationen; wir können davon ausgehen, dass er in dieser Phase noch keine Beratung aufsucht.
  •  Bagatellisierung: Es wird die Hoffnung genährt, dass alles nicht so schlimm sei.
  • Unsicherheit: Unklarheit über die Konsequenzen; was wird passieren? Wohin führt das alles?
  • Es wird versucht, durch Erklärungsfindung Ordnung in das entstandene Gedankenchaos zu bringen. In dieser Phase findet eine massive Verteidigung gegen die Realität statt!
  • Unannehmbarkeit: Das alles kann nur ein Irrtum sein;
    Der Betroffene kann seine Situation noch nicht annehmen.

Die aktiven Versuche, die Gewissheit des Erblindens abzuwehren, werden immer häufiger und intensiver. Es wird nur selektiv wahrgenommen, d.h., es wird nur das wahrgenommen, was der Gewissheit der Sehbehinderung widerspricht.
Auch hier wird die Leugnung deutlich.
Diese erste Phase des Spiralphasenmodells ist gleichzeitig der letzte Versuch, auf Fluchtwegen der Wahrheitsgewissheit zu entkommen. Zugleich entsteht jedoch auch eine Sehnsucht nach Gewissheit, um so die unerträgliche Spannung, die der Zustand der Unwissenheit erzeugt, zu beenden (siehe Schuchardt 2003, S.144 und glofke-schulz 2007, S.206).

2. Phase: Gewissheit
Die neue Situation wurde nunmehr vom Verstand erfasst; doch emotional kann die Einsicht noch nicht vollzogen werden. Der Betroffene ist noch nicht in der Lage, die Sehbehinderung auch emotional zu erkennen und zu akzeptieren.
Die dem Verstand zugänglichen Fakten dürfen einfach nicht wahr sein.
Ein mögliches Gespräch mit vertrauten Menschen über diese neue Realität stellt einen ersten Schritt der Behinderungsverarbeitung dar. Gespräche können auch dabei helfen, diese neue Wahrheit aushalten zu lernen (ebd.). .

B) Durchgangsstadium

3. Phase: Aggression

Innerhalb dieser Phase wird die vom Verstand bereits aufgenommene Erkenntnis des Sehbehindert- oder Blindseins nunmehr auch zur emotionalen Gewissheit.

Es können sehr intensive Emotionen wie Protest, Auflehnung, aber auch Wut oder Trotz aufbrechen. Besonders intensiv ist zu diesem Zeitpunkt eine große Traurigkeit und auch der Schmerz um das, was verloren gegangen ist, und zwar meist unwiederbringlich.  Das Bewusstwerden dessen ist von extremen emotionalen Bewegungen überwältigt, so dass Betroffene manchmal das Gefühl äußern, fast daran zu ersticken.

In dieser Phase kommt es häufig dazu, dass der Betroffene zum einen die Emotionen gegen das ihn umgebende Umfeld, zum anderen auch gegen sich selbst richtet, welches der ungünstigere Weg ist. Gemeint sind hier nach innen, also gegen das eigene Selbst gerichtete Aggressionen in Form von Schuldgefühlen, selbstverletzendem Handeln bis hin zum Versuch des Suizidierens.

Nach außen gerichtete Aggressionen wenden sich häufig gegen die, die dem Betroffenen am Nächsten stehen: gegen die Angehörigen.

Hier ist unbedingt eine sensible Prozessbegleitung erforderlich, damit verletzungen aufgefangen und durchgearbeitet werden können und sowohl bei den Angehörigen als auch beim Betroffenen nach kraftspendenden Ressourcen gesucht werden kann.

Wichtig: Wenn Aggressionen in dieser Phase überhaupt nicht zugelassen werden, kann dies zum Entstehen einer apathischen Resignation werden und geradenwegs in die Depression führen (Glofke-Schulz 2007, S. 206 f).

Ein in dieser Phase nicht zu lösendes Problem besteht im Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer Situation, die tatsächlich nicht veränderbar ist, nämlich das Fortschreiten der Sehbehinderung. Der Betroffene kann dagegen nichts tun.

Der Krisenauslöser selbst ist also nicht angreifbar, und so werden Ersatzobjekte gesucht, an denen die extreme Frustration „ausgelebt“ werden kann.

Das führt häufig zu sehr verständlichen feindseligen Reaktionen des sozialen Umfeldes und der Umwelt generell. Angehörige werden besonders auf dieser Ebene zu Mitbetroffenen und sind masiven Belastungen ausgesetzt (ebd.).

Angehörigenberatung ist also besonders in dieser Bewältigungsphase von sehr hohem Stellenwert. Die Angehörigen müssen zu den psychischen Gegebenheiten des von Sehverlust Betroffenen aufgeklärt und besonders gestärkt werden. Auch der Betroffene selbst benötigt eine sehr verlässliche Prozessbegleitung und psychologische Beratung, manchmal  sogar Therapie.

4. Phase: Verhandlung

In dieser Verhandlungsphase wird versucht, die Behinderung auf jedem nur denkbaren Weg wieder los zu werden. Zahlreiche Ärzte werden aufgesucht, Heilpraktiker werden zu Rate gezogen etc. Es gibt hier die Hoffnung auf medizinische Forschungsergebnisse zur Heilung der Augenerkrankung.

Der Betroffene versucht, aus dieser Ohnmacht und dieser aussichtslosen Situation irgendwie herauszufinden – natürlich ohne Erfolg.

Auch diese Phase sollte empathisch und geduldig begleitet werden.

5. Phase: Depression

Der Betroffene spürt Hilflosigkeit, ist hoffnungslos, deprimiert oder verzweifelt, trauert um das, was er verloren hat, nämlich das sehen; und es wird hier auch antizipiert, was noch alles verloren gehen wird durch die Sehbehinderung. Dinge, die man vor der Erkrankung tun konnte wie z.B. bestimmten Hobbys nachgehen, Autofahren, das Lesen mit den Augen, verschiedene Sportarten etc. Manchmal wird auch ein Lebensüberdruss empfunden und geäußert.

Hier ist vom Betroffenen und auch den Angehörigen Trauerarbeit erforderlich, die bei Bedarf auch von Fachberatern begleitet werden sollte.

Diese Phase der Trauer birgt aber auch bereits die ersten Schritte für einen Neuanfang.

Zitat Schuchardt: „Sie enthält die Wendung zur Umkehr, zur nach innen gerichteten Einkehr und zur Begegnung mit sich selbst. Aus diesem Sich-Selbst-Finden erwächst die Freiheit, sich von erlittener Erfahrung zu distanzieren und die notwendigen nächsten Handlungen selbst zu gestalten.“ (Schuchardt 2003, S. 149; in: Glofke-Schulz 2007, S. 207)

Hier zeichnet sich bereits ein erster Schritt zur Veränderung hin zur Aktivität ab. Erste Ressourcen können wieder zu Tage treten und in die nächste Phase überleiten.

C) Zielstadium

6. Phase: Annahme

Was bedeutet Annahme? Ich möchte Annahme nicht unweigerlich dem Begriff Akzeptanz, zu dem ich noch sprechen werde, gleichstellen.

Bezeichnend für die Phase der Annahme ist die ganz bewusste Grenzerfahrung: Der Kampf gegen die Sehbehinderung ist nunmehr beendet; die Widerstandskraft ist erschöpft und der Betroffene fühlt sich einerseits verausgabt und leer, andererseits aber auch befreit: Er muß sich nun nicht mehr gegen seine neue Lebenssituation wehren. Er befindet sich jetzt in einem Zustand, der neue Erfahrungen möglich werden lässt.

Der Betroffene nimmt wahr, dass er noch am Leben ist, dass er nicht allein ist, dass seine verbliebenen Sinne durchaus noch funktionieren: Er nimmt seine Umwelt wieder deutlicher und realistischer wahr und fühlt sich dieser langsam wieder zugehörig. Er realisiert, dass er eine Stellung und Funktion in seiner  Umwelt inne hat.

Die innere Annahme der eigenen Person mit Behinderung erfolgt in dieser Phase.

Die Annahme kann sich zunächst in der Form einer kurzlebigen Erkenntnis vollziehen und später dann an Nachhaltigkeit zunehmen (ebd.).

All diese Phasen der Krisenverarbeitung sind natürlich eingebunden in eine Interaktion zwischen dem Betroffenen und der Gesellschaft.

Rückschläge und erneute Krisen können das Bewusstsein der Selbstannahme und Selbstachtung jederzeit auch wieder erschüttern.

Daher denke ich, dass Verarbeitung und Bewältigung von Sehverlust keinen wirklich endlichen Prozess darstellt. Es kann jedoch durchaus gelingen, einen einmal erreichten Status der Verarbeitung des Sehverlustes aufrecht zu erhalten und für andere vergleichbare Krisenbewältigungssituationen zu nutzen.

7. Phase: Aktivität

Der von Sehverlust Betroffene wird Stück um Stück wieder aktiv und der verloren geglaubte Lebenssinn und Lebensinhalt kehren zurück.

Es werden nun Kräfte freigesetzt, die bislang gegen den Sehverlust gerichtet waren. Potentiale werden frei und wollen sinnvoll genutzt werden. Der Betroffene findet zurück zur autonomen Lebensgestaltung.

Die drei Kompetenzen der menschlichen Psyche werden wieder aktiv.

  • Ich-Kompetenz: ich kann, ich will, ich werde
  • Sozialkompetenz: ich werde, zusammen mit anderen, …; ich tue etwas für Andere …
  • Sachkompetenz: Rückkehr zur Nutzung der im Lauf des Lebens erworbenen Fähigkeiten praktischen Handelns.

In dieser Phase kommt es nicht zuletzt auch häufig zu einer Änderung der Bewertung materieller Güter und Handlungsmöglichkeiten. D.h., es kommt nicht mehr so sehr darauf an, was noch vorhanden ist, sondern darauf, aus dem Verbliebenen das eigene Leben neu zu gestalten (ebd., S. 150; ebd, S. 108 f).

 

8. Phase: Solidarität

In dieser letzten Phase der Verarbeitung von Sehverlust geht es um die Rückkehr in stabile Interaktionen mit der Gesellschaft.

Der von Sehverlust Betroffene sucht sich Handlungsfelder, die er gemeinsam mit anderen evtl. auch Betroffenen bearbeiten kann. Es entsteht das Bedürfnis, gesellschaftlich wieder verantwortlich zu handeln. Die Sehbehinderung oder Blindheit wird als ein Teil des nun vorhandenen Lebensrahmens und der Zugehörigkeit zur Person des Betroffenen anerkannt. Sie tritt auch im Laufe der Zeit in ihrer problematisierten Bedeutung immer mehr zurück und schafft Raum für die Erweiterung des gesellschaftlichen Handlungsfeldes des Betroffenen und für dessen Bedürfnis der Selbstverantwortung.

Zitat Schuchardt: „Solidarität ist die letzte Stufe des Lernprozesses Krisenverarbeitung ; wir handeln, wir ergreifen Initiative. Das ist Ausdruck einer erfolgreichen Krisenverarbeitung,  einer angemessenen komplimentären Integration und Partizipation.“ (Schuchardt 2003, S. 150; in: Glofke-Schulz 2007, S. 209)

Was verstehen wir nun unter komplimentärer Integration und Partizipation:

Sie erfordert zunächst einen gemeinsamen Lernprozess behinderter und nicht behinderter Menschen. Auch der nichtbehinderte wird sich durch die bewusste Begegnung mit dem Behinderten Menschen unweigerlich verändern und weiterentwickeln.

Komplimentäre Integration und Teilnahme meint jedoch auch, dass der behinderte Mensch diese selbst gestaltet unter Einbringung seiner Fähigkeiten, Kompetenzen und seiner Verantwortungsbereitschaft. Im weiteren geht es darum, dass er lernt, die vonseiten der Gesellschaft vorhandenen Partizipationsangebote für sich nutzbringend in Anspruch zu nehmen.

Integration und Partizipation meinen keinesfalls eine bloße Anpassung des Behinderten an die gesellschaftlich gegebene Situation.

Abschließend ist zu sagen:
die Phasen der Krisenverarbeitung sind weniger in ihrer zeitli­chen Abfolge zu betrachten, sondern eher als Reaktions­möglichkeiten bzw. -komponenten zu verstehen, deren jede zu je ver­schiedenen Zeit­punkten mit unter­schiedlich viel psychischer Energie besetzt werden kann. Diese Sicht beinhaltet die Möglich­keit, dass verschiedene Reaktionsmuster mit sich verändern­den Gewichtun­gen neben- und mitein­ander existieren.

Mit zunehmender Krisenerfahrung kann die subjektiv empfun­dene Be­drohung, die von der Krise und den mit ihr verbundenen emotiona­len Erschütterungen ausgeht, geringer werden. Das Wissen, frühere Krisen erfolgreich bewältigt zu haben, kann das Vertrauen stärken, auch diesmal wieder einen Weg der Problemlösung oder Krisenbewältigung finden zu können. Dies kann der Angst die Intensität nehmen und dazu beitragen, dass Krisen seltener auftreten, von Mal zu mal kürzer dauern und weniger heftig ausfallen (s. Glofke-Schulz 2007, S. 220).

2. Gelungene Krisenverarbeitung

Kriterien:

1. Bereicherung des Wertespektrums; Dazu gehört die Überprüfung erlernter und vertrauter Wertorientierungen und das Zulassen neuer, auch durch die Behinderung gewachsener Wertmaßstäbe.

2. Reduzierung der Auswirkungen der Sehbehinderung durch Erwerb neuer Fähigkeiten.

Hierzu gehören natürlich auch die beiden Rehabilitationsvarianten: Training lebenspraktischer Fähigkeiten und Training in Orientierung und Mobilität, welche ausschließlich von Rehabilitationslehrern durchgeführt werden sollten.

3. Selbstakzeptanz mit der Behinderung; dazu gehört auch die Einsicht, dass die Behinderung nicht die betroffene Person abwertet. Wenn es überhaupt zu Abwertungen kommt, dann doch auf Grund gesellschaftlicher Stigmatisierung und Ausgrenzungstendenzen.

4. Unterordnung des Physischen innerhalb der Bewertung der von Sehverlust betroffenen Person. Der Betroffene bewertet sich also nicht mehr vornehmlich vor dem Hintergrund seiner Augenerkrankung und der daraus entstandenen Behinderung.

5. Die Sehbehinderung wird in ihrer Bedeutung und Auswirkung relativiert und es wird erkannt, dass zahlreiche Lebensbereiche von ihr nicht betroffen sind.

6. Zielflexibilität: Nicht einzig die Fixierung auf frühere Ziele ist hier angesagt, sondern es ist wichtig, neue Ziele zu setzen und Betätigungsfelder zu finden, die mit der Behinderung in Einklang gebracht werden können wie z. B.:

  • Sport: wandern, Tandem fahren, schwimmen;
  • neuer Zugang zur Literatur: Hörbücher;
  • Mediennutzung: Internet, Hörfilme;
  • Mitarbeit in den Bezirksgruppen oder den Landesvorständen des BSV etc. (siehe auch Glofke-Schulz 2007, S. 179)

Es geht hier nicht ausschließlich um eine Neugestaltung des Umgangs mit sich selbst, sondern hauptsächlich um einen neuen, anteilig veränderten Zugang zur Umwelt und zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Zugang zu anderen Menschen und die Beziehungsgestaltung können anders verlaufen, als es der Betroffene vor der Erblindung gewohnt war.

Es wird häufig unterschätzt, wie intensiv die Krise eines Menschen auch die Angehörigen, Freunde oder auch Berufskollegen mit betrifft. Sie sind zum einen in die Belastungssituationen, zum anderen in den Prozess der Krisenverarbeitung involviert. Manche Beziehungen halten den Belastungen nicht Stand; Lebenspartner trennen sich, Familien brechen auseinander, Freunde ziehen sich zurück.

Ein ganz wesentliches Ziel innerhalb der Prozessbegleitung ist es, dass Lebenspartner lernen, darauf zu vertrauen, dass es auch unter den nunmehr veränderten Bedingungen möglich ist, auch weiterhin eine tragfähige Paarbeziehung zu leben und zum Teil auch neu zu gestalten (ebd., S. 181 f).

So geht es also nicht einzig darum, das alte Gleichgewicht einfach wieder herzustellen, sondern das Leben unter Akzeptanz der Behinderung in manchen Bereichen neu zu strukturieren  und die Krise letztlich als Chance einer teilweisen Neuorientierung erkennen zu können (ebd.).

3. Erläuterungen zum Akzeptanzbegriff

was bedeutet Akzeptanz im Kontext der Verarbeitung von Sehverlust?

„Akzeptanz ist die innere Freiheit, seinen eigenen, selbstbestimmten Weg des Umgangs mit der Behinderung zu finden, Werte zu hinterfragen und an der Entwicklung einer autonomen Werteorientierung und Identität zu arbeiten.“ (Glofke-Schulz 2007, S. 219)

Die Betonung liegt hier auf Autonomer Identitätsfindung.

Akzeptanz heißt demzufolge nicht, sich anpassend und widerspruchslos mit sekundären, durch die Behinderung entstandenen Schädigungsfolgen abzufinden.

Solche sekundären Schädigungsfolgen können sein:

Gesellschaftliche Stigmatisierung, Prozesse der Ausgrenzung, Verlust sozialer Beziehungen, häufig auch Verlust des Arbeitsplatzes, Diskriminierung in verschiedenen Lebensbereichen, Reduzierung der betroffenen Person auf ihre Behinderung etc.

Dass es ausreichend soziale Problemsituationen gibt, ist hinlänglich bekannt. Sehr wichtig ist jedoch, diese keinesfalls überzubewerten odr gar von vornherein zu fürchten.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es ganz wesentlich an der Grundeinstellung des Menschen liegt, in welch hohem Maße er Ausgrenzung oder gar Stigmatisierung erfährt oder auch zulässt. Es macht keinen Sinn, Stigmatisierungsprozesse wegzudiskutieren, da diese definitiv vorhanden sind. Sinn macht jedoch, solche Erfahrungen neu zu bewerten und einen inneren Abstand zu erlangen. Eine autonome Werteorientierung, wie Glofke-Schulz sie beschreibt, ist hierfür die eigentliche Basis.

Wenn Menschen mit Behinderung lernen, die eventuell vorhandene negative Erfahrungskette zu durchbrechen, indem sie zunehmend darauf schauen, was sie können und was möglich ist, werden sich neue, positive Erfahrungen ergeben.

Denken wir bitte einmal an das Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeihung als durchaus nachzuvollziehbare Basis für Erfolg oder Misserfolg.

Beispiele hierfür finden Sie sicher aus eigener Erfahrung.

Abschließend noch ein Zitat von Dr.  Glofke-Schulz:

„Akzeptanz (…) heißt, nicht nur die Behinderung als solche, sondern auch die wiederkehrenden Krisen und emotionalen Erschütterungen liebevoll anzunehmen als vollkommen gesunde und normale Reaktionen. (…) Auf dem Boden so verstandener Akzeptanz kann Gelassenheit wachsen.“ (ebd.) So wird Platz für einen reifen Humor ohne Ironie und Aggressivität. Humor schafft inneren Abstand und hilft, sich von übertriebener Selbstbezogenheit zu lösen (Kast 2003, o. S.).

4. Grundhaltung und Vorgehen in der Beratung von Menschen mit Sehverlust

(konnte aus Zeitmangel nicht besprochen werden)

4.1 Ressourcenorientierung

Die Beachtung und Förderung von Ressourcen ist die Voraussetzung systemischer Beratung und Prozessbegleitung. Die Ressourcenorientierung als systemische Grundhaltung ist mit dem Gedanken verbunden, dass psychische und körperliche Störungen mit der Bewältigung von Problemen und Konflikten assoziiert sind. In der systemischen Beratung besteht die Auffassung, daß Menschen grundsätzlich über die Möglichkeiten zur Lösung ihrer Probleme verfügen. Genauer gesagt: Es wird davon ausgegangen, daß jeder Mensch und somit jedes System über all die Ressourcen verfügt, die letztendlich zur Lösung seiner Probleme nötig sind. Sie können nur derzeit nicht entsprechend genutzt werden, da sie durch die Krise verschüttet sind und dem Betroffenen nicht zur verfügung stehen. (siehe auch Schlippe u. Schweitzer 2003, S. 124)

Nun sind besonders zu Beginn der Inanspruchnahme von Beratung oder Begleitung diese Ressourcen meist blockiert, d.h., sie sind unter dem Konfliktdruck vorübergehend nicht mehr sichtbar. Ressourcen sollen in der Beratung neu entdeckt und zur Weiterentwicklung des Einzelnen und auch des jeweiligen Systems (z.B. des Systems Partnerschaft odr Familie, in dem der Betroffene lebt), wieder nutzbar gemacht werden.

Partner und Kinder der von Blindheit betroffenen Person sind immer als mitbetroffen anzusehen. Ein Problem betrifft immer das Gesamtsystem, in welchem sich der Betroffene organisiert.

Ressourcen können z.B. verstanden werden als die Fähigkeiten und Kompetenzen sowohl jedes einzelnen Menschen als auch des Systems, in welchem er sich organisiert, seine Lebensentwürfe und ebenso seine Lebenspraxis nach eigenen Bedürfnissen und eigenen Werthaltungen zu gestalten. Diese Fähigkeit stellt eine grundlegende Kraft sozialer Beziehungen dar. Dieses lebendige Potential steht bei der Problembewältigung oder -lösung in Beratung oder Prozessbegleitung als hilfreiche und fördernde Komponente an erster Stelle.

Die Entdeckung und Förderung von Ressourcen, die der Betroffene und der Berater gemeinsam leistet, ist nicht allein eine Intervention, sondern auch eine Grundhaltung, die ein wesentliches Prinzip professionellen Beratens und Begleitens darstellt.

Es wird nämlich davon ausgegangen, dass der Betroffene am Ehesten selbst weiß, was er braucht, was er leisten kann und wie er letztlich mit seiner momentanen Lebenssituation umgehen kann.

4.2 Vergrößerung des Möglichkeitskonzeptes

Zielorientierung in der Beratung ist auch die Vergrößerung des Möglichkeitskonzeptes des Betroffenen.

Der Biokybernetiker von Förster hat die Zielrichtung systemischen Denkens und Handelns mit dem ethischen Imperativ beschrieben: ‚Handle stets so, daß Du die Anzahl der Möglichkeiten vergrößerst. Dies hat Konsequenzen für die Beratungspraxis. Denn  alles, was die Breite der Möglichkeiten einschränkt – z.B. Tabus, Dogmen, Denk- und Beschreibungsverbote oder Bewertungen wie richtig oder falsch – steht einem systemischen Arbeiten eindeutig entgegen. Es soll eher eine Vorgehensweise zutage treten, die es ermöglicht, das, was wir wissen, auch mal in Frage zu stellen und ängstlich Vermiedenes zum Thema zu machen.

Erklärend sei hierzu angemerkt: Das Wissen und die Erfahrung des Beraters sind unabdingbar für dessen Arbeit. Im systemischen Arbeiten kommt es jedoch darauf an, Abweichungen vom Wissen und von den eigenen Erfahrungen zuzulassen, um die Konstruktionen der Wirklichkeit und der Möglichkeiten des Klienten nicht durch die Erfahrungen aus der eigenen Geschichte zu behindern oder zu begrenzen, sondern sie zu vergrößern.

In stark empathieindizierten Situationen sind wiederum diese eigenen Erfahrungen des Beraters von unverzichtbarem Wert; denn sie verstärken die Nähe und das Vertrauen des Betroffenen zum Berater.

Im Kontext der Beratung von Menschen mit Sehverlust sollten selbstbetroffene Berater die eigenen Erfahrungen m. E. sehr vorsichtig und nicht dominierend einsetzen, damit der eben genannte Möglichkeitsraum des Ratsuchenden und seine ganz eigene Ressourcensuche nicht eingeschränkt, sondern erweitert wird. Wenn Beratende stark von eigenem Erfahrungspotential ausgehen, dann kann es geschehen, dass sich der Betroffene klein und unfähig empfindet und unter Druck gerät. Auch ist das, was durch Fremderfahrung vermittelt wird, nicht dem Lebenskonzept des Betroffenen entsprungen und kann seine Lösungsfindung meist nicht unterstützen.

Den Prozeß des Arbeitens mit von Sehverlust betroffenen oder bedrohten Menschen kennzeichnet ein gemeinsames Suchen nach neuen Wirklichkeitsdefinitionen, die es ermöglichen, darüber zu reflektieren, wie z.B. auch in der Familie und innerhalb vorhandener Partnerschaft über Probleme, Krankheiten oder Behinderungen und die damit im Zusammenhang stehenden Bewältigungsoptionen gedacht und gesprochen wird.

Es können nunmehr auch neue und bislang nicht gekannte oder nicht vertraute Varianten entdeckt oder konstruiert werden, wie die Lebenswelt des Betroffenen zu neuen Sinnstrukturen gelangen kann. Hierbei sind neue, reale Erfahrungen unverzichtbar.

Auch eine neue, autonome Werteorientierung ist unabdingbar.

Was bedeutet das für die Praxis:

Beispiel: Die Mutter zweier noch jüngerer Kinder erleidet einen Sehverlust.

Wir gehen davon aus, dass es in dieser Familie bislang eine klare Aufgabenverteilung zur Bewältigung des Alltages gegeben hat. Bei einem sicher anzunehmenden Bedarf muss diese Verteilung geprüft und möglicherweise verändert und der Alltag neu strukturiert werden. Gemeinsam kann geschaut werden, welche Ressourcen der Partner und Vater der Kinder möglicherweise entdeckt, um die Mutter in einigen im Moment schwer zu leistenden Punkten zu entlasten. Besprochen werden könnten hier z.B. Fragen der Versorgung der Kinder, Hilfe bei den Schulaufgaben, wie kommt das Kind zum Kindergarten und das andere zur Schule? Wie können Arztgänge bewältigt werden? Wer begleitet und beaufsichtigt die Kinder auf dem Spielplatz? Etc.

Sollte die Familie diese Dinge nicht allein leisten können, weil auch der Vater damit schon allein  rein zeitlich überfordert wäre, muss ein soziales Netz geknüpft oder gefunden werden, welches die Familie unterstützt. Zu denken wäre hier nicht ausschließlich an Nachbarn, Freunde und Verwandte, sondern auch an eine mögliche Beantragung von Elternassistenz für einige spezifische Bereiche der Begleitung und Unterstützung der Mutter innerhalb ihrer Erziehungsarbeit.

Das Entdecken und Konstruieren neuer produktiverer Sinnstrukturen und noch unbekannter Bewältigungsmechanismen stellt für die Ratsuchenden, die in ihrem Problem ‚gefangen’ sind, oft eine erhebliche Schwierigkeit dar. Dieser Schwierigkeit kann mit systemischer Beratung und Prozessbegleitungentg egen gewirkt werden. Vom Berater ist jedoch grundsätzlich auch hier zu akzeptieren, dass der Betroffene der Experte seiner Situation ist und dass er es ist, der die Bewältigungsarbeit und die Verarbeitung seines Sehverlustes leistet.

Der Berater unterstützt und begleitet lediglich diesen Prozess.

Literatur:

Glofke-Schulz, E.-M.: Löwin im Dschungel. Blinde und sehbehinderte Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung. Gießen 2007

Kast, V.: Der schöpferische Sprung. Vom therapeutischen Umgang mit Krisen. Olden 1987

Schuchardt, E.: Krisenmanagement und Integration; Bielefeld 2003

Schweitzer, J./von Schlippe, A.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung.   Göttingen 2003